In dem zurückliegenden Artikel „Politische Führung gestern und heute. Und was ein Hofnarr damit zu tun hat?“ habe ich die Bedeutung von Vertrauen, nachvollziehbarer Kommunikation und unabhängiger Beratung für politische Führung untersucht. Der Vergleich mit Helmut Schmidt (SPD) und Helmut Kohl (CDU) im heutigen Beitrag erweitert diese Perspektive. Helmut Schmidt und Helmut Kohl verkörperten unterschiedliche Führungsstile. Schmidt setzte auf Sachkenntnis, analytische Klarheit und Entschlossenheit. Kohl verstand es, politische Mehrheiten zu organisieren, Interessen zusammenzuführen und langfristige Ziele zu verfolgen. Beide Bundeskanzler prägten die Bundesrepublik über viele Jahre. Der Vergleich mit ihnen wirft eine Frage auf, die sich heute Friedrich Merz und die CDU stellen müssen: Was macht politische Führung erfolgreich? Und was muss sich ändern, wenn das Vertrauen in die Problemlösungsfähigkeit und die Führungsqualitäten eines Bundeskanzlers und der ehemaligen Volksparteien so dramatisch sinkt wie heute?
Drei Kanzler, unterschiedliche Herausforderungen
Helmut Schmidt regierte von 1974 bis 1982. Seine Amtszeit war von wirtschaftlichen Krisen, Terrorismus und dem Kalten Krieg geprägt. Seine politische Autorität beruhte wesentlich auf Sachkenntnis und der Bereitschaft, schwierige Entscheidungen zu verantworten (Bundeskanzleramt – Helmut Schmidt). Helmut Kohl war von 1982 bis 1998 Bundeskanzler. Seine 16-jährige Kanzlerschaft war von der deutschen Wiedervereinigung und der europäischen Integration geprägt. Kohl verstand es, politische Ziele strategisch zu verfolgen, Mehrheiten zu sichern und historische Gelegenheiten zu nutzen (Bundeskanzleramt – Helmut Kohl). Friedrich Merz steht vor anderen Rahmenbedingungen. Die Bundesregierung aus CDU/CSU und SPD muss wirtschaftliche, soziale und sicherheitspolitische Herausforderungen gleichzeitig bewältigen. Die politische Öffentlichkeit ist fragmentierter, die Nachrichtenzyklen sind kürzer, öffentliche Kritik unmittelbarer. Das erklärt einen Teil der Schwierigkeiten. Es entbindet den Kanzler aber nicht von seiner Verantwortung, Prioritäten zu setzen, Entscheidungen zu begründen und Vertrauen aufzubauen.
Helmut Schmidt: Sachkenntnis und die Bereitschaft zur Entscheidung
Schmidt verkörperte einen Führungsstil, der politische Probleme analytisch durchdringen und anschließend Entscheidungen treffen wollte. Er verfügte über umfassende wirtschafts- und sicherheitspolitische Kenntnisse. In Krisen vermittelte er den Eindruck, die Lage zu überblicken und handlungsfähig zu bleiben.
Ein Beispiel ist der NATO-Doppelbeschluss. Angesichts der sowjetischen Stationierung von SS-20-Mittelstreckenraketen unterstützte Schmidt eine Strategie, die Verhandlungen mit der Sowjetunion mit der Bereitschaft zur westlichen Nachrüstung verband. Die Entscheidung war innenpolitisch hoch umstritten und führte zu erheblichen Konflikten innerhalb der SPD und der Friedensbewegung. Schmidt hielt an seiner sicherheitspolitischen Einschätzung fest. Er war bereit, die politischen Kosten seiner Haltung zu tragen. Darin liegt eine wesentliche Dimension politischer Führung: Ein Kanzler kann nicht ausschließlich danach entscheiden, was kurzfristig Zustimmung verspricht. Er muss begründen, welche Risiken er für besonders schwerwiegend hält und warum er eine bestimmte Entscheidung für notwendig erachtet (Bundeskanzleramt – Helmut Schmidt und der NATO-Doppelbeschluss). Allerdings hatte dieser Führungsstil Grenzen. Sachliche Überzeugungskraft ersetzt nicht automatisch politische Vermittlung. Wer von der eigenen Analyse überzeugt ist, kann gesellschaftliche Stimmungen und die Interessen anderer Akteure unterschätzen. Auch Schmidt war nicht unfehlbar. Seine Kanzlerschaft endete 1982 mit dem Zerbrechen der sozialliberalen Koalition. Konflikte über Wirtschafts- und Finanzpolitik sowie über die Sicherheitspolitik hatten die Zusammenarbeit von SPD und FDP zunehmend belastet. Die Lehre lautet deshalb nicht, dass ein Kanzler unbeirrbar an seiner Position festhalten muss. Entscheidend ist die Verbindung von Entschlossenheit und Korrekturfähigkeit. Führung verlangt ein eigenes Urteil. Sie verlangt ebenso die Fähigkeit, berechtigte Einwände und veränderte Rahmenbedingungen zu berücksichtigen.
Helmut Kohl: Mehrheiten organisieren und Chancen nutzen
Kohl führte anders. Seine Stärke lag weniger in der öffentlichen Darstellung fachlicher Expertise als in der Organisation politischer Macht. Er konnte innerparteiliche Interessen ausbalancieren, Mehrheiten sichern und strategische Ziele über längere Zeit verfolgen. Besonders deutlich wurde dies 1989. Als sich die historische Möglichkeit zur deutschen Einheit eröffnete, reagierte Kohl mit seinem Zehn-Punkte-Plan vom 28. November. Er formulierte eine politische Perspektive, die über die bestehende Ordnung hinausging, und nutzte das kurze Zeitfenster für Verhandlungen mit der DDR, den vier Siegermächten und den europäischen Nachbarn. Die Wiedervereinigung war nicht allein sein Verdienst. Sie wurde durch die friedliche Revolution in der DDR, den Zerfall der SED-Herrschaft, die Politik Michail Gorbatschows und die internationale Konstellation ermöglicht. Kohl erkannte jedoch die historische Chance und setzte die politischen Ressourcen seiner Regierung ein. Zugleich verband er die deutsche Einheit mit der europäischen Integration. Ein wiedervereinigtes Deutschland sollte fest in Europa eingebunden bleiben. Damit berücksichtigte er die Sicherheitsinteressen der Nachbarn und schuf Voraussetzungen für internationale Zustimmung (Bundesregierung – Kohls Zehn-Punkte-Plan). Kohls Führungsstil beruhte auf Machtbewusstsein, Beharrlichkeit und politischem Gespür. Er wusste, dass politische Ziele nicht allein durch gute Argumente erreicht werden. Sie brauchen Mehrheiten, Verhandlungsgeschick, verlässliche Partner und den richtigen Zeitpunkt. Auch dieser Ansatz hatte Schattenseiten. Die Konzentration politischer Macht kann innerparteiliche Abhängigkeiten fördern. Wo persönliche Loyalität zum entscheidenden Maßstab wird, drohen kritische Stimmen an Einfluss zu verlieren. Kohl zeigt deshalb nicht nur, wie wichtig strategische Führung ist. Sein Beispiel verdeutlicht auch, dass Macht allein keine Garantie für gute Politik bietet. Langfristiger Erfolg verlangt Ergebnisse, offene Debatten und die Bereitschaft, Fehler zu korrigieren.
Friedrich Merz: Wenn der Führungsanspruch das Vertrauen nicht trägt
Friedrich Merz steht nach rund eineinhalb Jahren als Kanzler vor einer grundlegenden Herausforderung. Es geht um das Vertrauen der Wählerinnen und Wähler in seine Fähigkeit, Probleme zu lösen und die Regierung tatsächlich zu führen. Die Umfragen im Herbst 2026 zeichnen ein deutliches Bild. Im ZDF-Politbarometer vom September bewerteten 79 Prozent der Befragten die Arbeit von Merz als Bundeskanzler als eher schlecht. Nur 17 Prozent beurteilten sie positiv. Lediglich 28 Prozent trauten ihm zu, seinen angekündigten Reformkurs im Wesentlichen fortzusetzen; 67 Prozent bezweifelten dies (ZDF-Politbarometer, September 2026). Der ARD-DeutschlandTrend Anfang Oktober bestätigte diesen Befund. Nur zehn Prozent waren mit der Arbeit des Kanzlers zufrieden, 88 Prozent unzufrieden. Es war der niedrigste Zufriedenheitswert eines Bundeskanzlers in der Geschichte dieser Umfragereihe. Auch die Bundesregierung insgesamt erreichte nur zehn Prozent Zustimmung (infratest dimap – ARD-DeutschlandTrend, Oktober 2026). Diese Zahlen sind mehr als eine Momentaufnahme schlechter Stimmung. Sie weisen auf eine erhebliche Diskrepanz zwischen dem Führungsanspruch des Kanzlers und der öffentlichen Wahrnehmung seiner politischen Leistungsfähigkeit hin. Viele Bürger zweifeln daran, dass Merz die Probleme des Landes bewältigen und seine angekündigten Veränderungen tatsächlich durchsetzen kann. Die politische Autorität des Kanzlers steht erheblich unter Druck.
Der historische Vergleich: Vertrauen muss erarbeitet werden
Helmut Schmidt und Helmut Kohl mussten gleichermaßen Krisen, Konflikte und politische Niederlagen bewältigen. Dennoch fällt der gegenwärtige Vertrauensverlust bei Merz durch seine außergewöhnliche Ausprägung auf. Ein direkter Vergleich über mehrere Jahrzehnte ist wegen unterschiedlicher Umfragemethoden und politischer Rahmenbedingungen nur eingeschränkt möglich. Entscheidend ist der Unterschied zwischen politischen Schwierigkeiten auf der einen Seite und der grundsätzlichen Erwartung der Wählerinnen und Wähler, dass ein Regierungschef Probleme lösen kann. Politische und innerparteiliche Konflikte sowie unpopuläre Entscheidungen gehören zum demokratischen Alltag. Wenn aber große Teile der Wähler dem Kanzler nicht mehr zutrauen, verabredete politische Maßnahmen umzusetzen und die bestehenden Probleme zu lösen, gerät die Grundlage der politischen Autorität ins Wanken. Kohl behauptete sich über viele Jahre als politisch durchsetzungsfähiger Regierungschef. Schmidt verfügte parteiübergreifend über eine ausgeprägte Reputation als sachkundiger und entscheidungsstarker Krisenmanager. Beide zeigen auf unterschiedliche Weise, dass politische Führung von erlebbaren Fähigkeiten und Ergebnissen lebt. Der Vertrauensverlust bei Merz ist deswegen keine vorübergehende Kommunikationsstörung. Er ist ein Warnsignal, das eine Überprüfung des politischen Kurses und der Art seiner Umsetzung verlangt.
Was Friedrich Merz und die CDU ändern müssen?
Der Vertrauensverlust lässt sich nicht allein durch bessere Reden, professionellere Öffentlichkeitsarbeit oder eine veränderte Wortwahl beheben. Kommunikation kann politische Leistung vermitteln. Sie kann aber fehlende Ergebnisse nicht ersetzen. Was bedeutet das konkret? Erstens – Prioritäten setzen und Ergebnisse liefern: Eine Regierung muss deutlich machen, welche wichtigsten Probleme sie zuerst lösen möchte. Sie muss ihre Vorhaben in konkrete, überprüfbare Schritte übersetzen und regelmäßig Rechenschaft über Fortschritte ablegen. Wiederholte Ankündigungen, denen keine erkennbaren Veränderungen folgen, schwächen das Vertrauen. Helmut Schmidt hat gezeigt, wie schwierige Entscheidungen sachlich begründet werden können und wie dafür Verantwortung übernommen werden kann. Helmut Kohl hat gezeigt, wie politische Ziele strategisch vorzubereiten sind, wie Mehrheiten zu organisieren und Gelegenheiten entschlossen zu nutzen sind. Zweitens – politische Führung als gemeinsame Aufgabe verstehen: Ein Bundeskanzler braucht eine handlungsfähige Regierung, einen verlässlichen Koalitionspartner und eine Partei, die einen erkennbaren politischen Kurs trägt. Die CDU muss ihre inhaltlichen Positionen klarer herausarbeiten und zugleich offen diskutieren, wo der bisherige Kurs nicht die erwartete Wirkung entfaltet. Führung darf nicht mit persönlicher Dominanz verwechselt werden. Sie zeigt sich auch darin, unterschiedliche Perspektiven zusammenzuführen und notwendige Kurskorrekturen zu ermöglichen. Drittens – Vertrauen durch nachvollziehbares Handeln zurückgewinnen: Bürger müssen verstehen können, warum eine Entscheidung getroffen wird, welche Alternativen geprüft wurden und welche Folgen zu erwarten sind. Das gilt besonders, wenn Reformen finanzielle Belastungen oder soziale Einschnitte mit sich bringen. Wer Veränderungen verlangt, muss deren Notwendigkeit erklären und die Verteilung der Lasten nachvollziehbar begründen. Fehler offen anzusprechen ist dabei kein Zeichen von Schwäche. Es ist eine Voraussetzung glaubwürdiger Führung. Viertens – Kritik zulassen und unabhängige Beratung organisieren: Hier schließt sich der Kreis zu dem zurückliegenden Beitrag über den politischen „Hofnarren“. Ein Kanzler braucht Menschen, die seine Annahmen hinterfragen und ihm offen sagen können, wenn Entscheidung nicht funktionieren. Sie müssen dies tun können, ohne berufliche oder politische Nachteile befürchten zu müssen. Die CDU muss eine solche offene Debattenkultur unterstützen. Wenn Kritik vor allem als Angriff auf die Führung verstanden wird, gehen wichtige Impulse verloren. Fünftens – politisches Handeln und politische Kommunikation an den Problemen der Bürger ausrichten: Es reicht nicht, Entschlossenheit zu demonstrieren oder politische Gegner zu kritisieren. Die Regierung muss erklären, was sie konkret erreichen will, welche Hindernisse bestehen und woran sich der Erfolg ihrer Politik messen lässt. Das bedeutet auch, Zielkonflikte offenzulegen. Wer wirtschaftliches Wachstum fordert, muss erklären, welche Rahmenbedingungen dafür notwendig sind. Wer soziale Sicherung erhalten will, muss die Finanzierung berücksichtigen. Wer Migration steuern will, muss Sicherheitsinteressen, humanitäre Verpflichtungen und rechtliche Grenzen abwägen. Politische Führung bedeutet, solche Konflikte nicht zu verschweigen, sondern verständlich zu erklären und nachvollziehbar zu entscheiden.
Was erfolgreiche politische Führung ausmacht
Helmut Schmidt und Helmut Kohl sind keine idealisierten Vorbilder. Sie hatten unterschiedliche Stärken und Schwächen. Ihre Kanzlerschaften fanden unter anderen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und internationalen Bedingungen statt. Dennoch lassen sich aus ihren Erfahrungen zentrale Kriterien politischer Führung ableiten. Schmidt stand für Sachkenntnis, analytische Klarheit und die Bereitschaft, schwierige Entscheidungen zu verantworten. Seine Erfahrung zeigt zugleich, dass Entschlossenheit politische Vermittlung nicht ersetzen kann. Ein überzeugendes Urteil muss offen für Kritik bleiben und die politischen Voraussetzungen seiner Umsetzung berücksichtigen. Kohl stand für strategisches Denken, politisches Gespür, die Organisation von Mehrheiten und die Fähigkeit, historische Chancen zu nutzen. Seine Kanzlerschaft zeigt zugleich, dass Macht und persönliche Autorität durch offene Debatten, sachliche Kontrolle und die Bereitschaft zur Selbstkorrektur ergänzt werden müssen. Für Merz und die CDU geht es deshalb nicht darum, Schmidt oder Kohl zu kopieren. Es geht darum, die Stärken beider Führungsansätze miteinander zu verbinden: ein klares sachliches Urteil, strategische Planung, verlässliche Mehrheiten und eine Kommunikation, die politische Entscheidungen verständlich macht. Vor allem aber müssen sie erkennen, dass der gegenwärtige Vertrauensverlust eine politische Reaktion verlangt. Wenn die Bevölkerung der Regierung und ihrem Kanzler nicht mehr zutraut, zentrale Probleme zu bewältigen, reicht es nicht, die eigene Politik lediglich besser zu erklären. Dann müssen auch Prioritäten, Entscheidungsprozesse und Ergebnisse überprüft werden.
Die CDU muss den Kanzler bei dieser Aufgabe unterstützen. Sie muss politische Prioritäten entwickeln und mittragen, die eigene Regierungsarbeit konstruktiv und kritisch begleiten und deutlich machen, wofür sie steht. Loyalität zur eigenen Führung darf nicht bedeuten, auf notwendige Korrekturen zu verzichten. Politische Autorität entsteht weder allein durch das Amt noch durch einen ausgesprochenen Führungsanspruch. Sie wächst, wenn Menschen eine klare Richtung erkennen, Entscheidungen nachvollziehen können und den Eindruck gewinnen, dass ihre politischen Repräsentanten Probleme tatsächlich angehen. Die entscheidende Aufgabe für Merz besteht deshalb darin, seine Problemlösungsfähigkeit sichtbar zu machen und verlorenes Vertrauen durch konkrete politische Ergebnisse zurückzugewinnen. Die CDU muss diesen Prozess inhaltlich unterstützen und zugleich bereit sein, den eigenen Kurs kritisch zu überprüfen.
Politische Führung bewährt sich nicht daran, wie entschieden ein Kanzler auftritt. Sie bewährt sich daran, ob er Orientierung gibt, Mehrheiten zusammenführt, Verantwortung übernimmt und Veränderungen erreicht. Die Bundeskanzler Helmut Schmidt und Helmut Kohl haben auf unterschiedliche Weise gezeigt, wie das gelingen kann. Für Merz und die CDU liegt darin allerdings keine historische Schablone, die man jetzt anlegen könnte. Sowohl Friedrich Merz und die CDU haben eine konkrete politische Aufgabe: Führung muss sich wieder stärker in nachvollziehbaren Entscheidungen, wirksamen Problemlösungen, Nähe zu den Wählern und daraus neu gewonnenem Vertrauen zeigen.