Wenn die Mitte ihre Bindekraft verliert – CDU und SPD im Schatten der politischen Ränder

Deutschland erlebt keinen normalen Wechsel der politischen Kräfte. Das Parteiensystem verschiebt sich. Die jüngsten Wahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin zeigen, wie weit dieser Wandel inzwischen reicht. In Sachsen-Anhalt erreicht die AfD 43,8 Prozent. Die CDU stürzt auf 17,2 Prozent – ihr schlechtestes Ergebnis bei einer Landtagswahl dort. Die SPD kommt auf 9,3 Prozent. In Mecklenburg-Vorpommern wird die AfD mit 38,2 Prozent stärkste Kraft, die SPD folgt mit 35,5 Prozent. Die CDU scheitert mit 4,9 Prozent erstmals in ihrer Geschichte am Einzug in den Landtag. In Berlin gewinnt Die Linke mit 25,7 Prozent. Die CDU kommt auf 18,8 Prozent, die AfD auf 16,3 Prozent und die SPD nur noch auf 12,1 Prozent. – Drei Wahlen, drei unterschiedliche politische Landschaften. Aber ein gemeinsames Signal: Die alten politischen Bindungen lösen sich weiter auf. Die Volksparteien verlieren nicht nur Stimmen. Sie verlieren Bindekraft.

Die alte politische Ordnung
CDU und SPD waren über Jahrzehnte mehr als zwei große Parteien. Sie waren gesellschaftliche Sammelbecken. Die CDU konnte konservative, christlich-soziale und wirtschaftsliberale Wähler miteinander verbinden. Die SPD vereinte Arbeitnehmer, Gewerkschaften, soziale Milieus und große Teile der städtischen Mittelschicht. Beide Parteien konnten Menschen ansprechen, die politisch nicht in allen Fragen dasselbe dachten. Das war ihre eigentliche Stärke: Integration. Eine Volkspartei musste nicht überall die gleiche Meinung vertreten. Sie musste unterschiedliche Interessen unter einem politischen Dach zusammenhalten. Diese Zeit ist vorbei. Die Gesellschaft ist vielfältiger geworden. Kirchen und Gewerkschaften haben an Bindekraft verloren. Berufliche und soziale Lebenswelten haben sich verändert. Politische Einstellungen werden individueller. Wähler wechseln ihre Partei häufiger.


Die Wahlergebnisse sind ein Weckruf
Die Landtagswahlen 2026 verschärfen das Bild. Sachsen-Anhalt ist besonders eindrucksvoll. Die CDU verlor gegenüber 2021 fast 20 Prozentpunkte und landete bei 17,2 Prozent. Die AfD gewann 23 Prozentpunkte hinzu und erreichte 43,8 Prozent. Die SPD konnte zwar leicht zulegen, blieb aber bei 9,3 Prozent.
Noch härter trifft es die CDU in Mecklenburg-Vorpommern. 4,9 Prozent bedeuten das Ende ihrer parlamentarischen Vertretung. Gleichzeitig verdoppelte die AfD ihr Ergebnis von 2021 mehr als und wurde mit 38,2 Prozent stärkste Kraft. Die SPD blieb mit 35,5 Prozent nur knapp dahinter. Berlin zeigt eine andere Variante derselben Entwicklung. Dort gewinnt nicht die AfD, sondern Die Linke. Sie kommt auf 25,7 Prozent. Die CDU verliert 9,5 Prozentpunkte, die SPD 6,3 Prozentpunkte. Die AfD legt um 7,2 Punkte zu. Das ist kein einheitlicher Rechtsruck. Es ist ein Verlust der alten Mitte.


Jung wählt anders
Besonders deutlich wird das bei den jüngeren Generationen. In Berlin stimmten bei den unter 25-Jährigen 43 Prozent für Die Linke. Bei den 25- bis 34-Jährigen waren es 48 Prozent. Die CDU kam bei den unter 25-Jährigen nur auf acht Prozent. Bei den Erstwählern waren es neun Prozent. In Mecklenburg-Vorpommern und Berlin konnten erstmals auch 16- und 17-Jährige wählen. Die Wahlanalysen zeigen: Junge Wähler orientierten sich überdurchschnittlich an AfD und Linker. CDU und SPD spielen in dieser Altersgruppe deutlich weniger eine Rolle. Auch Sachsen-Anhalt zeigt die Richtung. Nach der Wahl kam die CDU bei den jüngeren Wählern teilweise nur auf fünf Prozent. Daraus sollte man keine Generationenformel machen. Junge Menschen wählen nicht geschlossen links oder rechts. Frauen und Männer unterscheiden sich erheblich, ebenso Bildungsgruppen und Regionen. Aber ein Trend ist unübersehbar: CDU und SPD verlieren den Zugang zu einem Teil der Generation, die künftig die Gesellschaft prägen wird. Das ist gefährlicher als ein schlechtes Wahlergebnis. Wer mit 20 Jahren eine Partei nicht als relevant erlebt, wird sie mit 40 nicht automatisch wählen.


Die Ränder profitieren vom Vakuum
Wo etablierte Parteien politische Räume nicht überzeugend besetzen, entstehen neue Angebote. Die AfD hat Themen wie Migration, innere Sicherheit, staatliche Ordnung und nationale Identität stark besetzt. Die Linke erreicht vor allem dort jüngere Menschen, wo es um Wohnen, soziale Gerechtigkeit und Verteilungsfragen geht. Das bedeutet nicht, dass alle Wähler dieser Parteien deren gesamtes Programm teilen. Wahlen sind selten ein Komplettpaket. Menschen können eine Partei aus einem einzigen besonders wichtigen Grund wählen. Oder weil sie andere Parteien nicht mehr für glaubwürdig halten. Oder weil sie den Eindruck haben, dass ihre Sorgen dort nicht ernst genommen werden. Genau deshalb reicht es nicht, den Erfolg der AfD ausschließlich mit Protestwahl, Desinformation oder Unzufriedenheit zu erklären.
Politische Konkurrenz entsteht auch dort, wo andere Parteien Lücken lassen.


Führung statt Reaktion
Damit kommen wir zu einem zweiten Problem: politische Führung. Parteien verlieren nicht nur an Zustimmung, wenn ihre Programme unklar sind. Sie verlieren auch dann, wenn ihre Führung keine erkennbare Richtung vermittelt. Politische Führung bedeutet nicht, jeden Tag eine neue Forderung aufzustellen. Sie bedeutet, Prioritäten zu setzen: Was soll sich in fünf Jahren verändert haben? Was ist wirklich wichtig? Welche Entscheidungen sind notwendig? Welche Interessen müssen miteinander ausgeglichen werden? Menschen können politische Kompromisse akzeptieren. Was sie schwerer akzeptieren, ist der Eindruck, dass Politik nur noch auf Ereignisse reagiert. Genau dieser Eindruck entsteht bei vielen Debatten. Die Parteien erklären häufig, warum etwas schwierig ist. Sie erklären weniger überzeugend, wohin sie eigentlich wollen. Eine Regierung kann zeitweise verwalten. Politische Führung muss aber  gestalten.


Die AfD darf nicht den Takt vorgeben
Eine weitere Gefahr liegt darin, dass die etablierten Parteien der AfD hinterherlaufen. Wenn die AfD Migration zum zentralen Thema macht, reagieren andere Parteien mit eigenen Migrationsforderungen. Wenn sie Sicherheit thematisiert, folgen Forderungen nach härteren Maßnahmen. Damit übernimmt die AfD indirekt die Rolle des politischen Taktgebers. Demokratische Parteien müssen Probleme ernst nehmen. Aber sie müssen nicht die Agenda ihrer politischen Konkurrenz übernehmen. Sie brauchen eigene Antworten. Berlin zeigt zudem, dass der Bedeutungsverlust von CDU und SPD keineswegs nur nach rechts führt. Viele junge Menschen gingen zur Linken. Das gemeinsame Muster lautet deshalb nicht „Rechtsruck“. Es lautet: Suche nach Alternativen.


Was CDU und SPD tun können
Eine Rückkehr zur alten Volkspartei wird es nicht geben. Dafür hat sich die Gesellschaft zu stark verändert. Aber eine neue Form politischer Integrationskraft ist möglich.

Dafür braucht es erstens wieder Nähe. Nicht nur Bürgersprechstunden vor Wahlen. Parteien müssen dort präsent sein, wo Menschen ihren Alltag erleben: in Kommunen, Betrieben, Vereinen, Schulen und Nachbarschaften.

Zweitens braucht es klare Prioritäten. Eine Partei sollte nicht versuchen, auf jedes Thema eine Antwort zu haben. Sie sollte erklären, welche wenigen Veränderungen sie wirklich durchsetzen will.

Drittens braucht es politische Führung. Wer Verantwortung übernimmt, muss Entscheidungen erklären. Auch dann, wenn sie unpopulär sind.

Viertens müssen junge Menschen mehr sein als eine Zielgruppe für Wahlkampfwerbung. Wenn 20-Jährige fast nur noch Parteien an den politischen Rändern oder bei der Linken als relevant wahrnehmen, hilft kein Instagram-Post einer Parteizentrale. Junge Menschen müssen politische Verantwortung bekommen. In Parteien. In Kommunen. In Parlamenten.

Und fünftens müssen CDU und SPD wieder stärker unterschiedliche gesellschaftliche Interessen verbinden. Die Antwort auf die AfD kann nicht darin bestehen, eine AfD mit anderem Parteibuch zu werden. Die Antwort muss darin liegen, bessere demokratische Angebote zu machen.

Die Mitte muss wieder etwas versprechen
Die jüngsten Wahlen sind deshalb mehr als drei regionale Wahlergebnisse. Sachsen-Anhalt zeigt, wie weit die AfD inzwischen in der politischen Landschaft vorgerückt ist. Mecklenburg-Vorpommern zeigt, dass selbst eine traditionsreiche Volkspartei wie die CDU aus einem Landtag verschwinden kann. Berlin zeigt, dass die Antwort auf den Bedeutungsverlust von CDU und SPD keineswegs nur rechts liegen muss. Die politische Landschaft wird vielfältiger, fragmentierter und unberechenbarer. Das muss keine Schwäche der Demokratie sein. Aber es wird zu einer Schwäche, wenn die großen demokratischen Parteien ihre Fähigkeit verlieren, unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen miteinander zu verbinden. CDU und SPD müssen deshalb nicht zurück in die Vergangenheit. Sie müssen wieder nach vorne. Weniger politische Selbstbeschäftigung. Mehr gesellschaftliche Wahrnehmung. Weniger Reaktion auf die Konkurrenz. Mehr eigene politische Ziele. Weniger Tagesgeschäft. Mehr Erklärung, wohin Deutschland in fünf oder zehn Jahren gehen soll.

Vor allem aber brauchen sie wieder politische Führung, die Verantwortung übernimmt. Die alte Volkspartei ist Geschichte. Die Frage ist, ob CDU und SPD daraus eine neue politische Rolle entwickeln können. Denn wenn die Mitte keine überzeugenden Antworten mehr gibt, suchen sich die Wähler andere.

Und die jüngsten Wahlen zeigen: Sie haben damit längst begonnen.

2 Kommentare zu „Wenn die Mitte ihre Bindekraft verliert – CDU und SPD im Schatten der politischen Ränder“

  1. … ich hätte es nicht besser beschreiben können …
    Und jeder von uns kann dazu beitragen. Sich konstruktiv an der Diskussion beteiligen. Dagegen sein ist zu einfach. Es muss besser werden, langt nicht. Man müsste mal, hilft auch nicht. Konkrete Vorschläge – konkrete Erwartungen – und die dem Populismus anderer bewusst und öffentlich entgegen stellen.
    Und hilfreich wäre auch, wenn die konstruktiven Vorschläge von der Presse positiv begleitet werden. Das Suchen nach Anti-Vertretern, der Versuch politisch Verantwortliche gegeneinander auszuspielen, spielt den Populisten, die plakativ behaupten, es besser zu können, aber nach meiner Wahrnehmung nicht wirklich Verantwortung übernehmen wollen, in die Hände. Wenn sich die schweigende Mehrheit gemeinschaftlich auf den Weg macht, wird es möglich sein. Und dennoch gilt: Jeder ist für sein Handeln und Nicht-Handeln verantwortlich.

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