Der Aufstieg der AfD gehört zu den auffälligsten Veränderungen im deutschen Parteiensystem der zurückliegenden Jahre. Bei der Bundestagswahl 2025 verdoppelte die Partei ihren Zweitstimmenanteil gegenüber 2021 von 10,4 auf 20,8 Prozent und wurde damit zweitstärkste Kraft (Bundeswahlleiterin – Endgültiges Ergebnis der Bundestagswahl 2025).Auch bei Landtags- und Europawahlen hat die AfD ihre Position deutlich ausgebaut. In Teilen Ostdeutschlands ist sie inzwischen stärkste politische Kraft.

Diese Entwicklung weckt fast zwangsläufig historische Erinnerungen. Viele vergleichen den Aufstieg der AfD mit dem der NSDAP am Ende der Weimarer Republik. Ein solcher Vergleich kann sinnvoll sein – allerdings nur, wenn er Unterschiede ebenso ernst nimmt wie Gemeinsamkeiten. Wer aus jeder starken rechtspopulistischen Partei automatisch eine Wiederholung des Jahres 1932 macht, betreibt keine historische Analyse. Wer die Parallelen völlig ignoriert, allerdings auch nicht.
Ein statistischer Blick auf zwei politische Erschütterungen
Ein Blick auf die Wahlergebnisse der Weimarer Republik zwischen 1928 und 1932 ist zunächst beeindruckend. Bei der Reichstagswahl 1928 erhielt die NSDAP lediglich 2,6 Prozent der Stimmen. Nach Beginn der Weltwirtschaftskrise änderte sich das Bild dramatisch: Im September 1930 erreichte sie 18,3 Prozent und wurde zweitstärkste Partei. Bei der Reichstagswahl am 31. Juli 1932 folgte der Sprung auf 37,3 beziehungsweise 37,4 Prozent. Bei der erneuten Wahl im November 1932 fiel die NSDAP auf etwa 33 Prozent zurück, blieb aber stärkste Partei (Bundeszentrale für politische Bildung – Zerstörung der Demokratie 1930–1933; Bundeszentrale für politische Bildung – Hindenburg ernennt Hitler zum Reichskanzler).
Ein Vergleich mit der AfD drängt sich deshalb auf den ersten Blick auf. Auch sie entwickelte sich von einer kleineren Partei zu einer politischen Kraft, die bundesweit inzwischen rund ein Fünftel der Wählerschaft erreicht und in aktuellen Umfragen auf Länderebene teilweise noch weitaus höhere Werte erzielt. Bei der Bundestagswahl 2025 gewann sie gegenüber 2021 mehr als zehn Prozentpunkte (Bundeswahlleiterin – Ergebnisse der Bundestagswahl 2025).
Statistisch gibt es damit eine interessante Gemeinsamkeit: Beide Parteien konnten in relativ kurzer Zeit große Teile der Wählerschaft mobilisieren. Allerdings lässt sich daraus noch kein historischer Verrgleich ableiten. Wahlergebnisse erklären weder die politischen Motive der Wähler noch die Stabilität der jeweiligen demokratischen Ordnung.
1932 war Deutschland tatsächlich in einer existenziellen Krise
Der entscheidende Unterschied liegt in den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Deutschland befand sich Anfang der 1930er Jahre nicht lediglich in einer politischen Vertrauenskrise. Es befand sich in einer sozialen und wirtschaftlichen Katastrophe. Die Weltwirtschaftskrise hatte Deutschland besonders hart getroffen. 1932 waren mehr als sechs Millionen Menschen arbeitslos. Rund 30,8 Prozent der Erwerbsfähigen waren offiziell ohne Arbeit; hinzu kamen schätzungsweise zwei Millionen nicht registrierte Arbeitslose und mehr als eine Viertelmillion Kurzarbeiter (Aus Politik und Zeigeschichte – Der Aufschwung der Anderen: Deutschland 1933). Arbeitslosigkeit bedeutete damals zudem etwas anderes als heute. Das soziale Sicherungssystem war noch jung und geriet unter dem Druck der Krise an seine Grenzen. Wer seine Arbeit verlor, konnte sehr schnell seine wirtschaftliche Existenz verlieren. Familien waren betroffen, Wohnungen konnten nicht mehr bezahlt werden, Armut und Hunger gehörten in vielen Regionen zum Alltag.
Hinzu kamen die Nachwirkungen des Ersten Weltkriegs. Millionen Menschen hatten Kriegserfahrungen gemacht, Deutschland hatte Millionen Tote und Verwundete zu beklagen. Niederlage, Revolution, Versailler Vertrag, Gebietsverluste, Reparationsforderungen und die Besetzung des Ruhrgebiets prägten die politische Kultur. Die Hyperinflation von 1923 hatte zudem das Vertrauen vieler Menschen in Staat, Währung und wirtschaftliche Sicherheit erschüttert. Als die Weltwirtschaftskrise Deutschland ab 1929 traf, war die Gesellschaft deshalb bereits politisch und sozial vorbelastet (Aus Politik und Zeitgeschichte – Die Hyperinflation 1923 im kollektiven Gedächtnis). Die Krise von 1930 bis 1932 traf somit auf eine traumatisierte Gesellschaft, geprägt durch Krieg, Revolution, Inflation und politische Gewalt. Die Demokratie bedeutete für viele Menschen nicht wirtschaftlicher Sicherheit und politische Ordnung, sondern Niederlage, Unsicherheit, Existenzangst und politische Dauerkrise.
Deutschland 2026 ist nicht Deutschland 1932
Diese historische Dimension fehlt heute weitgehend. Deutschland hat zwar ohne Zweifel mit erheblichen Problemen zu kämpfen. Die wirtschaftliche Entwicklung ist seit Jahren schwach. Das Bruttoinlandsprodukt wuchs 2025 lediglich um 0,2 Prozent; im ersten Quartal 2026 legte die Wirtschaftsleistung gegenüber dem Vorquartal preis-, saison- und kalenderbereinigt nur um 0,3 Prozent zu (Statistisches Bundesamt – Bruttoinlandsprodukt 2025 Statistisches Bundesamt – Wirtschaftsleistung im 1. Quartal 2026). Auch der Arbeitsmarkt ist nicht sorgenfrei. Im Juli 2026 waren rund drei Millionen Menschen arbeitslos. Die Arbeitslosenquote lag bei 6,4 Prozent. Die Bundesagentur für Arbeit spricht ausdrücklich von einer weiterhin sichtbaren schwachen Konjunktur. Allerdings ist das Risiko, die Beschäftigung zu verlieren, im langfristigen Vergleich weiterhin relativ niedrig (Bundesagentur für Arbeit – Arbeitsmarkt im Juli 2026).
Mit den Verhältnissen von 1932 ist das nicht vergleichbar. Damals war ungefähr jeder dritte Erwerbsfähige arbeitslos. Auch wirtschaftlich liegen Welten zwischen beiden Epochen. Deutschland verfügt heute über ein hoch entwickeltes Sozialversicherungssystem, eine stabile Währung, eine leistungsfähige Infrastruktur und einen im internationalen Vergleich hohen Lebensstandard. Die aktuelle wirtschaftliche Schwäche ist deshalb ernst zu nehmen, aber sie ist keine wirtschaftliche Existenzkrise der Dimension von 1932. Das bedeutet nicht, dass Sorgen der Bürgerinnen und Bürger eingebildet wären. Steigende Wohn- und Lebenshaltungskosten, hohe Energiepreise, bürokratische Belastungen, eine schwache wirtschaftliche Dynamik, Sorgen um Arbeitsplätze und die Zukunft der sozialen Sicherung sind reale Probleme. Hinzu kommen die Folgen des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine, die wachsenden Anforderungen an Verteidigung und Katastrophenschutz sowie die ungelösten Fragen der Migration. Aber aus politikwissenschaftlicher Perspektive ist entscheidend: Eine Krise des Vertrauens in die politische Problemlösungsfähigkeit ist nicht dasselbe wie eine gesellschaftliche Existenzkrise.
Warum wächst die AfD so stark?
Die Erklärung dürfte weniger in einer einzelnen Ursache liegen als in einer Kombination verschiedener Faktoren. Erstens ist Migration zu einem zentralen politischen Konfliktthema geworden. Die AfD hat es verstanden, dieses Thema mit Fragen von Sicherheit, staatlicher Kontrolle und kultureller Veränderung zu verbinden. Dadurch entsteht ein politisches Deutungsmuster, das über die reine Migrationspolitik sowie die tatsächlichen Zahlen hinausreicht.
Zweitens spielt die Wahrnehmung staatlicher Handlungsfähigkeit eine erhebliche Rolle. Wenn Bürger den Eindruck gewinnen, dass politische Entscheidungen zu lange dauern, Reformen nicht zustande kommen und der Staat selbst bei alltäglichen Problemen an bürokratischen Grenzen stößt, entsteht ein Vertrauensproblem. Die AfD hat sich in diesem Umfeld als Gegenentwurf zum „politischen Establishment“ präsentiert – unabhängig davon, ob ihre eigenen Lösungsvorschläge tatsächlich tragfähig sind. Drittens hat sich die Parteienbindung verändert. Viele Wähler verstehen ihre Wahlentscheidung heute weniger als langfristige Bindung an eine Partei, sondern als Möglichkeit, politische Unzufriedenheit auszudrücken oder einen Kurswechsel zu erzwingen.
Die Bertelsmann Stiftung kommt bei ihrer Analyse der Bundestagswahl 2025 zu dem Ergebnis, dass die AfD gerade in Teilen der gesellschaftlichen Mitte stark von den Verlusten der Ampelparteien profitierte (Bertelsmann Stiftung – Die Ergebnisse der Bundestagswahl 2025 in den sozialen Milieus). Der AfD-Erfolg ist also nicht in erster Linie ein Ergebnis ideologischer Überzeugung. Ein erheblicher Teil ihrer Wählerschaft reagiert offenbar auf konkrete politische Stimmungen, auf Unzufriedenheit mit den etablierten Parteien und auf das Gefühl, dass politische Veränderungen notwendig sind.
Protest bedeutet nicht Ablehnung des Systems
Hier liegt ein weiterer Unterschied zu Weimar. Die NSDAP war eine offen antidemokratische Partei, die die parlamentarische Demokratie beseitigen wollte. Die politische Entwicklung von 1930 bis 1933 war zudem durch eine zunehmende Zerstörung demokratischer Institutionen geprägt. Vom Reichspräsidenten gestützte Kabinette ersetzten zunehmend parlamentarische Mehrheiten. Politische Gewalt und die Radikalisierung des Parteiensystems nahmen zu (Bundeszentrale für politische Bildung – Zerstörung der Demokratie 1930–1933).
Die Bundesrepublik verfügt dagegen über deutlich stabilere demokratische Institutionen. Freie Wahlen, unabhängige Gerichte, eine pluralistische Medienlandschaft, föderale Machtverteilung und die verfassungsrechtlich geschützte Stellung des Bundesverfassungsgerichts bilden starke institutionelle Sicherungen. Das bedeutet nicht, dass der Aufstieg einer demokratiefeindlichen oder demokratisch ambivalenten Partei politisch belanglos wäre. Eine Partei kann innerhalb demokratischer Verfahren an Einfluss gewinnen und gleichzeitig Positionen vertreten, die mit liberal-demokratischen Grundprinzipien im Widerspruch stehen. Deshalb ist es notwendig, zwischen der demokratischen Legitimität einer Wahlentscheidung und der inhaltlichen Bewertung politischer Positionen zu unterscheiden.
Es geht ums Vertrauen
Der historische Vergleich sollte deshalb nicht lauten: „AfD gleich NSDAP“. Das wäre wissenschaftlich unzulässig und politisch wenig hilfreich. Die entscheidende Frage lautet: Welche Bedingungen ermöglichen es einer extremen Partei, dauerhaft ein Viertel oder mehr der Wählerschaft zu erreichen? Die Antwort führt unmittelbar zu den „etablierten“ Parteien. Eine Demokratie kann extreme politische Kräfte aushalten. Italien und Österreich bieten hierfür praktische Beispiele.
Sie gerät aber unter Druck, wenn große Teile der Bevölkerung den Eindruck gewinnen, ihre Sorgen würden nicht ernst genommen oder politische Probleme würden lediglich verwaltet. Die AfD profitiert dabei nicht in erster Linie von eigenen Stärken. Sie profitiert vor allem von den Schwächen und wahrgenommenen Unzulänglichkeiten ihrer Konkurrenten. Wo in der Wahrnehmung der Bürger Migration nicht überzeugend gesteuert wird, wo der Staat seine eigenen Regeln nicht konsequent durchsetzt, wo die Reform des Gesundheits- und Sozialwesens nicht voran kommt und Bürokratie eher zu- als abnimmt, entsteht politischer Raum für Protest. In allen Bereichen unserer Gesellschaft.
Die Antwort darauf kann allerdings nicht darin bestehen, die AfD rhetorisch zu kopieren. Demokratische Parteien müssen vielmehr zeigen, dass demokratische Politik Probleme lösen kann: Migration steuern, Sicherheit gewährleisten, Wirtschaft stärken, soziale Sicherung reformieren, staatliche Handlungsfähigkeit verbessern und dieses überzeugend und verständlich kommunizieren. Die Geschichte der Weimarer Republik gibt uns eine wichtige Warnung. Die Demokratie zerbrach nicht deshalb, weil es eine rechtsextreme Partei gab. Sie zerbrach, weil eine Vielzahl von Krisen, gesellschaftlichen Konflikten, institutionellen Schwächen und politischen Fehlentscheidungen zusammenkam und immer mehr Menschen den Glauben verloren, dass das demokratische System ihre Probleme lösen könne.
Deutschland 2026 ist nicht Deutschland 1932. Die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Ausgangsbedingungen sind grundlegend verschieden. Gerade deshalb sollte man den Aufstieg der AfD weder dramatisieren noch bagatellisieren. Die eigentliche Lehre aus Weimar lautet nicht, dass jede starke rechte Partei zwangsläufig zur Diktatur führt. Sie lautet: Demokratien leben nicht allein von Institutionen. Sie leben davon, dass Bürger darauf vertrauen, dass diese Institutionen handlungsfähig sind und dass Menschen in den veranbtwortlichen Positionen nach demokratischen, rechtsstaatlichen Prinzipien handeln. Und genau dieses Vertrauen ist heute die politische Ressource, um die es geht.