Aktualisierte Fassung meines Blogbeitrags aus dem Mai 2018
Es gibt Begriffe, die verschwinden nie ganz. Manchmal geraten sie aus der Mode, wirken altbacken oder werden bewusst gemieden. Und dann kehren sie zurück – nicht, weil sie neu wären, sondern weil sich die Welt verändert hat.
Kaum ein Begriff beschreibt das besser als Heimat. Als ich 2018 über dieses Thema schrieb, stand die politische Debatte noch am Anfang einer neuen Phase. Das Bundesministerium des Innern hatte gerade den Zusatz „Heimat“ erhalten. Viele diskutierten darüber, ob dieser Begriff überhaupt in die moderne Politik passe oder ob er zwangsläufig ausgrenze.
Acht Jahre später hat sich vieles verändert. Die politischen Konflikte sind schärfer geworden. Die Parteienlandschaft hat sich weiter gewandelt. Europa erlebt Krieg, eine anhaltende Migrationsdebatte, wirtschaftliche Unsicherheit und eine zunehmende Polarisierung der Gesellschaften. Ich selbst lebe seit inzwischen vier Jahren wieder dort, wo meine eigene Geschichte begann – in meiner Geburtsstadt Koblenz. Auch dieser persönliche Perspektivwechsel beeinflusst meinen Blick auf den Begriff Heimat. Ich glaube heute noch stärker als damals: Es lohnt sich, über Heimat zu sprechen. Gerade weil andere den Begriff vereinnahmen möchten.
Heimat ist mehr als ein Ort
Was ist Heimat? Ist es der Ort der Geburt? Der Ort des Aufwachsens? Der Wohnort? Sind es Menschen? Erinnerungen? Sprache? Landschaft? Gerüche? Musik? Vereine? Dialekt? Oder schlicht das Gefühl, angekommen zu sein?
Meine Antwort ist heute dieselbe wie vor acht Jahren – nur mit größerer Überzeugung: Heimat ist niemals eindimensional! Nach vielen Jahren in anderen Teilen Deutschlands wieder nach Koblenz zurückzukehren, hat mir das noch einmal vor Augen geführt. Manche Straßen sehen aus wie früher. Andere haben sich völlig verändert. Menschen sind weggezogen, neue hinzugekommen. Die Stadt hat sich weiter entwickelt. Und dennoch ist bei mir recht schnell wieder ein Gefühl der Vertrautheit entstanden. Heimat besteht eben nicht nur aus Gebäuden oder Landschaften. Heimat entsteht durch Beziehungen, gemeinsame Erinnerungen und durch die Erfahrung, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Gerade deshalb kann ein Mensch mehrere Heimaten besitzen.
Die Renaissance eines alten Begriffs
Der Begriff Heimat hat sich politisch etabliert. Während sich 2018 viele noch über Heimatminister lustig machten, spricht heute nahezu jede Partei über Zusammenhalt, Identität oder gesellschaftliche Integration. Der Begriff Heimat selbst wird unterschiedlich häufig verwendet, seine Inhalte spielen jedoch überall eine Rolle. Das hat Gründe. Die vergangenen Jahre waren geprägt von tiefgreifenden Krisen:
- die Corona-Pandemie,
- der russische Angriff auf die Ukraine,
- Energiekrisen,
- wirtschaftliche Unsicherheiten,
- der Nahostkrieg,
- eine anhaltende, oft irreguläre Migration,
- terroristische Anschläge in mehreren europäischen Staaten,
- wachsende Zweifel an der Handlungsfähigkeit demokratischer Institutionen.
Je komplexer die Welt erscheint, desto größer wird bei vielen Menschen das Bedürfnis nach Orientierung, Verlässlichkeit und Zugehörigkeit. Genau hier gewinnt Heimat an Bedeutung. Nicht als romantische Verklärung der Vergangenheit, sondern als Gegenpol zu einer immer schnelleren Welt.
Migration verändert Gesellschaften
Kaum ein Thema beeinflusst die Heimatdebatte derzeit stärker als Migration. Deutschland bleibt ein Einwanderungsland. Das gilt wirtschaftlich ebenso wie demografisch. Viele Branchen wären ohne qualifizierte Zuwanderung längst nicht mehr arbeitsfähig. Ich sehe das jeden Tag im Pflegeheim meiner Eltern. Gleichzeitig hat insbesondere die starke Fluchtmigration seit 2015 Kommunen, Schulen, Kindergärten, Wohnungsmarkt und Verwaltungen erheblich belastet.
Wer diese Belastungen anspricht, darf deshalb nicht automatisch in eine politische Ecke gestellt werden. Genauso wenig darf aus berechtigten Problemen der Schluss gezogen werden, Migration sei grundsätzlich eine Bedrohung. Beides greift zu kurz. Integration gelingt nicht allein durch Aufenthaltsgenehmigungen oder Sozialleistungen. Sie setzt voraus, dass Menschen Teil einer gemeinsamen politischen und gesellschaftlichen Ordnung werden wollen. Sprache, Bildung, Arbeit, die Anerkennung unserer Rechtsordnung, die Gleichberechtigung von Frauen und Männern sowie die Akzeptanz demokratischer Werte bilden dafür das Fundament.
Integration ist deshalb keine Einbahnstraße. Sie verlangt Offenheit von der Aufnahmegesellschaft und Bereitschaft zur Teilnahme von denjenigen, die dauerhaft hier leben möchten. Wer Heimat neu findet, muss sie auch mitgestalten wollen.
Europa zwischen Offenheit und Selbstbehauptung
Auch Europa steht vor dieser Herausforderung. Die Europäische Union versteht sich als Raum der Freiheit, des Rechts und der offenen Grenzen. Gleichzeitig wächst in vielen Mitgliedstaaten der Wunsch nach besserem Schutz der Außengrenzen und einer wirksameren Steuerung von Migration. Beides widerspricht sich nicht. Ein Staat oder eine Staatengemeinschaft verliert ihre Humanität nicht dadurch, dass sie ihre Grenzen kontrolliert. Im Gegenteil: Nur wer Migration steuern kann, erhält langfristig die gesellschaftliche Akzeptanz für legale Einwanderung und für den Schutz politisch Verfolgter. Europa muss deshalb human bleiben, aber zugleich handlungsfähig sein.
Eine neue Parteienlandschaft
Auch die politische Landschaft hat sich seit 2018 erheblich verändert. Die früheren Volksparteien haben deutlich an Bindungskraft verloren. Die politische Mitte zerfasert. Gleichzeitig gewinnen Parteien an den Rändern an Zustimmung. Die AfD hat sich in weiten Teilen Deutschlands als starke oder stärkste Oppositionskraft etabliert. Das Bündnis Sahra Wagenknecht ist als neue politische Kraft hinzugekommen. Die Grünen haben nach ihrer Regierungsbeteiligung an Zustimmung verloren. CDU und CSU sind vergleichsweise stabil geblieben, während die SPD ihre historische Rolle als große Volkspartei zunehmend einbüßt.
Die zuvor genannten Entwicklungen spielen dabei ebenso eine Rolle wie eine politische Kommunikation, die häufig stärker moralisiert als erklärt. Wer Bürgerinnen und Bürger dauerhaft überzeugen möchte, muss ihre Sorgen ernst nehmen, ohne Ängste zu schüren.
Heimat darf kein Kampfbegriff sein
Gerade deshalb ist Vorsicht geboten. Heimat darf weder exklusiv verstanden noch politisch monopolisiert werden. Sie gehört weder einer Partei noch einer bestimmten Weltanschauung. Wer Heimat ethnisch definiert, verengt den Begriff. Wer ihn dagegen vollständig ablehnt oder tabuisiert, überlässt ihn genau jenen Kräften, die ihn für Ausgrenzung nutzen. Beides halte ich für falsch. Die Geschichte Deutschlands zeigt, dass Patriotismus und Weltoffenheit miteinander vereinbar sind. Helmut Schmidt formulierte diese Haltung ebenso glaubwürdig wie Johannes Rau mit seinem Satz: „Immer Patriot, nie Nationalist.“ Helmut Kohl verstand sich selbstverständlich als Pfälzer, Deutscher und überzeugter Europäer. Diese Mehrfachidentitäten schließen sich nicht aus. Sie ergänzen sich.
Digitale Welt – menschliche Sehnsucht
Die Digitalisierung ist seit 2018 noch einmal rasant vorangeschritten. Künstliche Intelligenz verändert Arbeitswelt und Bildung. Soziale Medien prägen politische Debatten. Informationen verbreiten sich in Sekunden. Gleichzeitig nehmen Desinformation, Filterblasen und gesellschaftliche Polarisierung zu. Noch nie konnten Menschen weltweit so leicht miteinander kommunizieren. Und gleichzeitig fühlen sich viele einsamer als früher.
Vielleicht erklärt gerade das die neue Bedeutung von Heimat. Nicht als WLAN-Verbindung. Nicht als Hashtag. Sondern als reale Erfahrung von Gemeinschaft. Im Verein. Im Ehrenamt. In der Nachbarschaft. In der Familie. Im Gespräch zwischen Menschen unterschiedlicher Auffassungen.
Heimat beginnt vor der eigenen Haustür
Seit ich wieder in Koblenz lebe, fällt mir auf, wie sehr Heimat von den kleinen Dingen lebt. Von Begegnungen im Verein. Von vertrauten Blicken auf Rhein und Mosel. Von Menschen, die Verantwortung übernehmen – in Feuerwehren, Kirchengemeinden, Bürgerinitiativen, Elternvertretungen oder der Kommunalpolitik.
Gerade auf kommunaler Ebene entscheidet sich oft, ob gesellschaftlicher Zusammenhalt gelingt. Hier begegnen sich Menschen unmittelbar. Hier werden Konflikte sichtbar. Hier entstehen Lösungen. Heimat beginnt deshalb nicht in Berlin oder Brüssel. Sie beginnt um die Ecke.
Heimat ist Gemeinschaftsaufgabe
Ich bin heute noch stärker überzeugt als 2018: Heimat ist kein Besitz. Sie ist auch kein nostalgischer Rückzugsort. Heimat entsteht dort, wo Menschen Verantwortung füreinander übernehmen, Unterschiede aushalten und dennoch Gemeinsamkeiten entwickeln. Sie braucht Freiheit ebenso wie Zusammenhalt. Sie braucht Offenheit ebenso wie gemeinsame Regeln. Sie braucht Vielfalt ebenso wie eine gemeinsame demokratische Wertebasis.
Deshalb wäre es fahrlässig, den Begriff den Populisten zu überlassen oder ihn aus falsch verstandener Vorsicht meiden. Wer Heimat als Abgrenzung versteht, macht sie kleiner. Wer Heimat nur als Gefühl beschreibt, unterschätzt ihre gesellschaftliche Bedeutung. Heimat ist beides: emotional und politisch. Sie verbindet Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Und sie erinnert uns daran, dass Demokratie nicht nur in Parlamenten entsteht, sondern überall dort, wo Menschen füreinander Verantwortung übernehmen – in Familien, Vereinen, Nachbarschaften, Städten wie Koblenz und in einem Europa, das seine Vielfalt bewahren will, ohne seinen inneren Zusammenhalt zu verlieren.
Heimat gehört niemandem allein. Aber sie braucht Menschen, die bereit sind, sie jeden Tag gemeinsam zu gestalten. Ich jedenfalls bin Koblenzer Schängel, Rheinland-Pfälzer, Europäer. Mit Stolz, aber ohne jegliche Abgrenzung.