Warum das Ehrenamt heute wichtiger ist denn je!
Hunderte Platzverweise und Strafanzeigen sowie Bilder von Alkoholmissbrauch, Gewalt und Müllbergen – leider prägen solche Schlagzeilen oft die Berichterstattung über den Straßenkarneval in den Karnevalhochburgen. Sie erzeugen den Eindruck, Karneval sei ein überbordender Feierspaß und ein Sicherheitsproblem. Wer jedoch den Blick auf die vielen tausend Karnevalsvereine richtet, erkennt eine ganz andere Wirklichkeit. Dort stehen nicht Exzesse im Mittelpunkt, sondern Gemeinschaft, Ehrenamt und gesellschaftlicher Zusammenhalt.

Seit meinem ersten Beitrag zu diesem Thema aus dem Jahr 2018 hat sich Deutschland spürbar verändert. Die Corona-Pandemie, der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, wirtschaftliche Unsicherheiten, Migration, eine zunehmende gesellschaftliche Polarisierung und die oft aufgeheizten Debatten in sozialen Netzwerken haben ihre Spuren hinterlassen. Das Vertrauen vieler Menschen in Politik, Institutionen und Mitmenschen ist zurückgegangen. Gleichzeitig wächst das Bedürfnis nach Orten, an denen Menschen unabhängig von Alter, Beruf oder politischer Überzeugung miteinander ins Gespräch kommen und gemeinsam etwas gestalten. Genau hier liegt eine Stärke des Karnevals, die häufig unterschätzt wird.
Vor rund 8 Jahren habe ich mit meinem Vater nach langer Zeit wieder eine Karnevalssitzung in Lahnstein besucht, der Stadt, in der ich aufgewachsen bin. Sie liegt am Zusammenfluss von Rhein und Lahn und grenzt an Koblenz, wo ich geboren bin. Dort lebe ich seit vier Jahren wieder und bin als „Protokoller 4.0“ beim Niederlahnsteiner Carneval Verein (NCV) in der „Bütt“ aktiv. Dadurch erlebe ich den Karneval nicht mehr aus der Zuschauerperspektive, sondern als Teil einer Gemeinschaft. Diese Erfahrung hat meinen Blick auf das Brauchtum noch weiter geschärft.
Denn Karneval ist weit mehr als ein paar Wochen ausgelassener Freude, Feiern und Humor. Er verbindet Menschen unterschiedlicher Generationen, Berufe und Lebenswelten. Während in vielen gesellschaftlichen Bereichen Trennendes in den Vordergrund gerückt ist, schafft der Karneval Begegnungen. Hier arbeiten Schülerinnen und Schüler mit Rentnern zusammen, Handwerker mit Akademikern, Selbstständige mit Angestellten. Auf der Bühne zählen weder Status noch Herkunft, sondern Engagement, Kreativität und Teamgeist.

Diese Integrationskraft entsteht nicht zufällig. Sie basiert auf dem ehrenamtlichen Einsatz unzähliger Menschen. Sie schreiben Reden, trainieren Tanzgruppen, bauen Wagen, organisieren Veranstaltungen, kümmern sich um Technik, Dekoration, Kostüme, Finanzen und Nachwuchsarbeit. Viele investieren dafür hunderte Stunden ihrer Freizeit – ohne Bezahlung und häufig ohne große öffentliche Aufmerksamkeit.
Gerade in Zeiten, in denen häufig über den Rückgang des gesellschaftlichen Zusammenhalts diskutiert wird, ist dieses Engagement wertvoll. Demokratie lebt nicht allein von Wahlen und Parlamenten. Sie lebt ebenso von Bürgerinnen und Bürgern, die Verantwortung übernehmen, Kompromisse finden und sich für ihre Gemeinschaft einsetzen. Vereine sind deshalb weit mehr als Freizeitangebote. Sie sind Orte demokratischer Praxis.
Das gilt besonders für Karnevalsvereine. Seit jeher gehört es zum Wesen des Karnevals, gesellschaftliche Entwicklungen humorvoll zu kommentieren und den Mächtigen den Spiegel vorzuhalten. Satire, Ironie und pointierte Kritik schaffen Freiräume, in denen politische Themen angesprochen werden können, ohne dass der Respekt voreinander verloren geht. Gute Büttenreden leben nicht von persönlicher Herabwürdigung, sondern von intelligenter Beobachtung, Selbstironie und der Fähigkeit, unterschiedliche Perspektiven zusammenzubringen. Auch deshalb ist Karneval ein Stück politischer Kultur. Nicht parteipolitisch, sondern demokratisch. Er zeigt, dass Kritik und Gemeinschaft keine Gegensätze sein müssen.

Dabei ist der Karneval längst nicht nur die Zeit zwischen dem 11. November und Aschermittwoch. Ein Karnevalsverein ist eine Ganzjahresgemeinschaft. Mitgliederversammlungen, Sommerfeste, Wagenbau, Tanztraining, Arbeitseinsätze und zahlreiche Veranstaltungen prägen das Vereinsleben weit über die eigentliche Session hinaus. Wer einmal hinter die Kulissen geschaut hat, erkennt schnell, welcher organisatorische Aufwand hinter einer Sitzung oder einem Karnevalsumzug steckt. Genehmigungen müssen eingeholt, Sicherheitskonzepte erstellt, Sponsoren gewonnen und steigende Kosten finanziert werden. Gerade kleinere Vereine stehen dabei zunehmend unter Druck. Höhere Anforderungen an Sicherheit und Organisation sind notwendig, dürfen das Ehrenamt jedoch nicht überfordern. Politik und Verwaltung sollten deshalb nicht nur die Bedeutung des Ehrenamts betonen, sondern Vereine ganz konkret unterstützen und fördern.

Karneval ist gelebte Heimat. Nicht im Sinne einer rückwärtsgewandten Nostalgie, sondern als lebendige Gemeinschaft, die Tradition mit neuen Ideen verbindet. Moderne Showtänze stehen neben klassischen Garden, junge Rednerinnen neben erfahrenen Büttenassen, soziale Medien ergänzen das Vereinsleben, ersetzen es aber nicht. Wer den Karneval lediglich auf Rosenmontagszüge oder Fernsehübertragungen reduziert, übersieht seinen eigentlichen Kern. In den Städten und Gemeinden sind Karnevalsvereine oft wichtige gesellschaftliche Anker. Sie fördern das Miteinander, geben Kindern und Jugendlichen eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung, bieten älteren Menschen soziale Kontakte und schaffen Begegnungen, die im Alltag immer seltener werden.
Genau das erlebe ich heute selbst beim NCV. Ob Gesamtaktivenbesprechung, Sommerfest, Kuchenstand auf der Lehner Kirmes, Auftritte der Tanzgruppen oder des Showballetts – überall begegnen mir Menschen, die ihre Freizeit investieren, weil ihnen ihre Gemeinschaft am Herzen liegt. Freundschaften entstehen nicht nur während der Session, sondern das ganze Jahr über. Genau das unterscheidet Vereinsleben von konsumorientierten Freizeitangeboten: Karneval wird nicht gekauft, sondern gemeinsam gestaltet.

Vielleicht braucht unsere Gesellschaft heute genau diese Orte mehr denn je. Orte, an denen Menschen trotz unterschiedlicher Meinungen gemeinsam lachen, diskutieren, arbeiten und feiern können. Orte, an denen Verantwortung selbstverständlich übernommen wird und Zusammenhalt nicht gefordert, sondern gelebt wird. Karneval ist deshalb weit mehr als ein rheinisches Brauchtum. Er ist ein Stück Heimat, ein Stück Demokratie und ein Stück gelebter Zivilgesellschaft. Wer den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken möchte, sollte deshalb nicht nur über Ehrenamt sprechen, sondern diejenigen unterstützen, die ihn Tag für Tag mit Leben füllen. Denn der eigentliche Wert des Karnevals zeigt sich nicht am Rosenmontag – sondern an den 365 Tagen dazwischen.